Der Augenblick


Liebe Georgia,

habe am 01.09.2000 den Schlüßel für mein Atelier in Empfang genommen. Nächsten Monat bin ich mit meiner Ausbildung fertig. Das ist schon ein tolles Gefühl, allerdings solltest du mal den ganzen Dreck hier sehen. Ich kann gar nicht verstehen, wie mein Vorgänger hier arbeiten konnte. Es wird noch ein Weilchen dauern, bevor es hier so ist, wie ich es zum Arbeiten brauche.

Allerdings werde ich auch noch einige Zeit brauchen, um einige Fragen, die ich an mich habe, zu beantworten. Eine Frage ist zum Beispiel, ob ich nicht schon im Vorfeld wißen muß, was ich ausdrücken will. Bin ich erst dann eine ernsthafte Malerin, wenn ich meine Motive ganz bewußt wähle, ohne sie mit ausgewählten klaßischen Symbolen zu verbinden? Die Muscheln mit dem Seepferdchen als Beispiel, erzählen keine Geschichte, sie bedeuten für mich einen Blick auf etwas schönes, an dem der Zahn der Zeit nagt und den ich im Bild festhalten möchte. Soll und will ich überhaupt den Prozeß einer Ernsthaftigkeit vorantreiben, oder wäre es beßer, noch mehr auszuprobieren? Zu malen, auf was ich gerade Lust habe? Mir ist von meine Lehrerin gesagt worden, daß ich meine Bilder sehr dekorativ gestalte, ich mich sehr danach richten würde, was dem Betrachter gefallen könnte und daß ich nach diesem Gesichtspunkt nicht arbeiten sollte.

Das mag wohl stimmen, jedoch weiß ich nicht, was daran falsch sein sollte. Allerdings taucht die Frage immer wieder auf, ob ich anders arbeiten sollte, beziehungsweise, ob ich mir das so vorstelle.

Ich bin wohl noch nicht so weit, das Gefällige außer Acht zu laßen. Vielleicht würden dann meine Bilder Geschichten erzählen, wiederum stellt sich anschließend die Frage, mit welchen Symbolen ich arbeiten möchte.

Das die Farbe rot für Leidenschaft, Dramatik und für intensive Gefühle steht, ist kein Grund für mich, sie einzusetzen. Es muß anders gehen, außerdem mag ich rot nicht. Es würde mir wohl auch schwer fallen nicht dekorativ zu arbeiten, da es in meinem Leben eine größere Rolle einnimmt. Ich umgebe mich gerne mit schönen dingen, ich würde über mein Sofa auch nur ein Bild hängen, was paßt.

Es gehört sicher auch zur Kunst, dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, auf Mißstände hinzuweisen, oder sie in irgend einer Form zu provozieren, nur denke ich, daß meine Kunst es sein wird, Menschen durch etwas schönes zu berühren und wenn es dann bei diesem berührten Menschen über das Sofa paßt, soll es mir nur recht sein.

Schau dir noch einmal mein Muschelbild an, vielleicht kannst du deinen Blick dort einen Moment verweilen laßen und empfindest, daß die Zeit für eine kurze Spanne still steht.

Deine Astrid