Alles geht von der Hand


Liebe Georgia,

habe etwas ganz entspannendes und sinnliches getan und brauchte dafür nicht meinen Kopf. Ich habe Papier geschöpft. Soweit ich weiß, hast du das noch nie getan. Bei deinen Bildern sind solche Arbeiten nicht dabei.

Also, ganz kurz. Du hast eine Suppe aus Waßer, etwas Leim und jede Menge kleiner Zellulosefasern; das alles schwimmt in einem Bottich oder in einer größeren Schüßel. Dein Werkzeug ist ein Rahmen, der aus drei Teilen besteht.

Der Mittlere ist der Wichtigste, der ist mit einem feinmaschigen Netz bespannt. Als erstes rührst du mit deinem Arm ordentlich in der Suppe, dann ergreifst du deinen kompletten Rahmen und tauchst ihn tief rein.

Jetzt beförderst du den Rahmen, samt Waßer und Fetzen waagerecht an die Luft, läßt das Waßer durchs Netz ablaufen - geht automatisch - nimmst den mittleren Rahmen heraus und rollst vorsichtig, die zu einem Verbund gelangten Zellulosefetzen auf ein saugfähiges Fließ.

Jetzt sind bei der Gestaltung deines Papiers kaum Grenzen gesetzt. Ich habe am liebsten mit Wurzeln, vertrockneten Blüten oder Blumensamen gearbeitet. Um die aufgelegten Teile zu festigen, wiederholte ich das Schöpfen, allerdings wesentlich dünner, um die Struktur deutlicher hervorstehen zu laßen. Du glaubst gar nicht, wieviel Spaß mir das gemacht hat. Es ging alles wie von selbst. Es sind ein paar sehr ansehnliche Bilder herausgekommen. Da ich bis jetzt noch keinen Schöpferrahmen im Atelier habe, mußte ich einen anderen Weg finden um in den Genuß dieses entspannten Arbeitens zu gelangen.

Als Bildträger benutze ich großmaschige Gaze aus der Radiertechnik, reine Zellulose fand ich im Grafikgewerbe, allerdings gehen auch Taschentücher, wenn sie mehrlagig sind oder Haushaltsrollen mit Prägung, auch sehr intereßant, zur Not tut es auch Klopapier. Als Bindemittel nutze ich ganz klaßisch Knochenleim, Acrylbinder, hält auch stärkere Teile, oder Ponal der trocknet leicht milchig, glänzend auf. In die Bilder arbeite ich Pigmente, Aquarellfarben, Tinte oder Kaffeesatz ein. Wenn ich dann mit dem Ergebnis zufrieden bin, kommt noch mal Acrylbinder zum Schutz von äußeren Einflüßen (ganz wichtig Staub) rauf.

Ach ja, was noch sehr wichtiges: die Gaze spanne ich gleich auf Keilrahmen, da die Papierbilder wegen ihrer Struktur einen speziellen Bilderrahmen brauchen, der als Spezialanfertigung unheimlich teuer ist. So nun überzeuge dich selbst, anbei heute mal ein Bild von mir.

Demnächst werde ich mir so einen Schöpfrahmen selbst bauen. Könnte ihn auch kaufen. Beßer ist es aber, wenn er selbst gebaut ist.

Bis bald Astrid