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Das Sehen der Zusammenhänge Liebe Georgia, habe angefangen, mit Aquarellfarben zu arbeiten. In erster Linie aus praktischen Gründen. Wenn ich im Urlaub bin und gerade da viel Zeit habe, kann ich keine ölbilder malen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lange es gedauert hat, bis ich einigermaßen mit dieser Technik vertraut war. Du weißt ja, daß man viel Waßer und wenig Farbe braucht. Bisher bin ich mit Farben, durch das öl, sehr verschwenderisch und kräftig umgegangen. Außerdem können Fehler nicht verdeckt werden. Ich mußte lernen, ganz anders zu arbeiten, was allerdings mein Malen mit öl ebenfalls positiv beeinflußte. Das Aquarellieren gab mir die Möglichkeit Eindrücke, die ich im Urlaub empfing, umzusetzen. Im nachhinein festgestellt, kann der Prozeß des Schaffens fließen. Da aus den Urlaubsaquarellen oftmals ein ölbild entwickelt wurde. Ich will dir erzählen, wie ich zu dem ölbild „El Paso“ kam. Vorangegangen war ein Urlaub auf La Palma (kanarische Inseln). Dort gibt es zwar einige Palmen, allerdings noch mehr Bananenplantagen. Also stand ich immer schön in den stillen, muffigen und trockenen Plantagen und übte zeichnen. Bananenstauden, Bananenblätter, Bananen vorne, Bananen hinten. Es gab den Himmel und die Wolken über den Bananen und das Meer hinter den Bananen. Zum Frühstück gab es auch Bananen, nein, aber Reiseführer und die Geschichte von La Palma. Ich las, daß die Ureinwohner der Insel sich bis ins 16. Jahrhundert gegen Eroberer zur Wehr setzen mußten, beziehungsweise sich in ihre Berge verschanzten und die Eroberer einfach so auflaufen ließen. Somit wurden sie sehr spät der Kirche zugeführt. Das kam mir gar nicht so lange her vor. Die kurze Geschichte La Palmas, die sonst nicht viel her gab, feßelte mich. Als ich meinen Urlaub beendet hatte, konnte ich ohne Umschweife mit „El Paso“ (der Durchgang) beginnen. Als Vorlage hatte ich die Aquarellzeichnung von den Bananen gewählt. Als nächstes kamen dann die Mißionare, mit ihrem verheißungsvollen Licht ins Bild. Durch die Komposition der Bananenblätter hatte ich einen Durchgang zum christlichen Zeitalter. Der Betrachter des Bildes nimmt die Position des zögernden, mißtrauischen Ureinwohners wahr. Die Mißionare erwarten den Betrachter, sie haben ihre Arme unten und empfangen ihn somit nicht mit „offenen Armen“. Beim Arbeiten an diesem Bild war mir nicht bewußt, daß dieses Bild diese Geschichte erzählen wird. Erst nachdem es schon eine Weile fertiggestellt war, erkannte ich den Zusammenhang zwischen meiner Urlaubslektüre und der Stille, die mich in den Plantage umgab. Dort stand die Zeit still. Im Nachhinein bezweifle ich, ob es im 16. Jahrhundert dort Bananenplantagen gab. Es erscheint logisch, daß Urwald paßender gewesen wäre, allerdings fand ich dort keinen. So malte ich das, was ich fand. Ich dachte an das Kürbisbild, von dem ich dir schon einmal geschrieben hatte und erinnert mich an die Probleme, die ich mit dem nicht paßenden Hintergrund hatte. Jetzt nachdem ich mir lange genug Gedanken über das Bild gemacht habe, wäre die Lösung, daß ich ein paar Bananenblätter im Hintergrund durch etwas Urwald ersetzt hätte. Aber du weißt ja, hinterher ist man immer schlauer. Gruß Astrid ![]() |