Das Sehen über die Hände


Liebe Georgia,

heute möchte ich dir von meinen unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Aktzeichnen berichten.

Du solltest meine ersten Zeichnungen mal sehen, sie sind mir vor nicht all zu langer Zeit mal wieder zwischen die Finger geraten. Mir fehlt bei den ersten Zeichnungen jegliches Gefühl für Proportionen. Im ersten Ausbildungsjahr veränderte ich das zum Glück. Durch Zeichenübungen am Gerippe, durch Anatomie -unterricht und durch Portrait zeichnen, konnte ich einige Fortschritte erzielen. Im zweiten Jahr begann ich zu experimentieren. Ich nahm Tinte, Kohle oder Aquarellfarben zum Zeichnen, je nach dem, worauf ich Lust hatte. Immer mit unterschiedlichen Ergebnißen. Im dritten Jahr mußte ich feststellen, daß ich auf diesem Gebiet keine Koryphäe bin. Es war immer von meiner derzeitigen Tagesform abhängig, welche Qualität meine Aktzeichnungen hatten. Fast alle Zeichnungen zeigen einen Bruch zwischen dem Oberkörper und den unteren Extremitäten. Mit viel Mühe konnte ich eine zarte Hals – Schulter und Brustpartie vorweisen, der Beckenbereich und die Oberschenkel waren dann aber im Verhältnis zu klein. Obwohl das Abmeßen mit Hilfe eines Bleistiftes mir mehrmals erklärt wurde, und ich bemüht war es anzuwenden, gelang es mir nicht. Ich streckte meinen Arm aus, nahm mit dem Bleistift Maß, drehte mich zum Papier und weg war es. Also fing ich irgendwie an und bekam so, selten ein zufriedenstellendes Ergebnis.

Einige meiner Mitschüler schauten auf das Model und ihre Hände, fegten über ihr Papier. Zur Orientierung warfen sie öfter einen kurzen Blick auf das Gezeichnete. Das wollte ich auch, so sollte es sein, die Augen sehen und die Hand, die den Stift führt, macht es einfach. Probiert habe ich es auch. Die Bleistiftlinien waren zart, an bestimmten Stellen kräftiger und zeigten keine geraden, durchgängigen Linien. Das war schon nicht schlecht, nur leider ging dann die Linie des Halses bis zur Brutwarze oder das Ohr saß dann direkt neben der Nase. Mir fehlte die Verbindung zwischen meinen Augen und meinen Händen, wenn meine Augen nicht auf meine Hände schauen. Das hat zur Folge, daß ich keine schnellen Skizzen von Menschen oder Tieren anfertigen kann. Beziehungsweise alles was sich bewegt. Aber weißt du, so schlimm ist das auch nicht, es zeigt mir nur, daß ich mich nach meiner Ausbildung intensiver mit Aktstudien auseinandersetzen muß.

Ich denke, daß ich Vieles noch lernen und verbeßern kann. Denn wenn ich mal einen Akt in seinen Proportionen gut hinbekommen habe und mir die Zeit nehme, ihn mit Sepia und Dispensionsfarbe zu bearbeiten, war ich mit dem Ergebnis meist zufrieden.

Bei dem roten Akt siehst du es, obwohl ihm die Schienbeine fehlen. Ich konnte schon zwei Aktzeichnungen verkaufen; es mangelt nicht an ihrer Wirkung, wenn ich sie bearbeitet hatte. Wenn ich mehr übe, werden eines Tages meine Hände sehen und ich werde Menschen malen und zeichnen.

Als erstes werde ich mich als Modell nehmen und ein Portrait in öl beginnen. Ich bin gespannt, was am Ende herauskommt. Es gibt so viele Fragen. Werde ich mich malen, wie ich mich sehe, wird es so sein wie ich möchte, daß mich andere sehen oder wird es so, wie ich gerne außehen würde.

Werde ich den Betrachter ansehen oder darf der Betrachter mich ansehen, während ich etwas anderes ansehe. Ist schon spannend, wie ich mich entscheiden werde. Sozusagen mein Projekt für die Wintermonate, wo mich draußen nichts ablenkt. Auf alle Fälle wird das eine übung sein, mit meiner ausführenden Hand zu sehen, ohne ständig hinschauen zu müßen.

Also, ich bleibe am Ball, äh, am Stift und melde mich wieder.

Gruß Astrid