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Das Sehenlernen Liebe Georgia, die ersten Monate des Sehenlernens waren sehr aufregend. Das Betrachten eines knorrigen Astes, der vor einem Kürbis liegt, wurde auf ein mal intereßant. Wo gibt es Vertiefungen, wo ist eine Erhöhung? Wie knickt der Schatten bei einer unebenen Fläche? Viele Schatten, viele Brüche. Der erste Versuch, eine Skizze anzufertigen war sehr mühsam. Du weißt ja, daß ich nie gemalt und gezeichnet habe und auf einmal ist etwas möglich. Und je mehr ich hinsehe desto beßer wird das Abbild. Die nächsten Versuche: schnell hingeworfene, überwiegend aus überschneidungen bestehende Linien, die ein Bild ergeben. In den ersten Monaten der Ausbildung gab es Obst in Hülle und Fülle, angebißen, aufgeschnitten, vertrocknet. Weggegeßen. Irgendwann war es dann soweit, mein erstes Stilleben mit meinem Lieblingsmedium, dem öl, zu malen. Es fiel mir nicht schwer. Ich brauchte mich nur auf das einlaßen, was ich sah. Dazu gehörte auch, die ölfarben nach der Vorgabe abzumischen. Über die Komposition eines Bildes, also wie etwas ins Bild muß, damit eine Spannung und eine Ausgewogenheit entsteht, mußte ich mir keine intensiven Gedanken machen, es paßte. Wenn etwas fehlte, oder zuviel auf dem Bildträger war, sah ich das. Die Komposition meines ersten Bildes war festgelegt. Nun hatte ich einen verzweigten Ast, der an Enten erinnerte und einen Kürbis im Vordergrund angelegt. Jetzt ging es nur noch darum die Feinheiten des Astes und des Kürbißes umzusetzen. Je mehr ich sah, desto mehr fand sich auf dem Bild. Als das geschafft war, gab es ein Problem: der Hintergrund. Mir wurde nahegelegt, einen offenen, gegenstandslosen, nur durch Farben gebildeten Hintergrund zu wählen. Zu dieser Möglichkeit konnte ich mich nicht entschließen. Soweit war ich noch nicht. Ich malte eine Bauernlandschaft hinein. Der Kürbis liegt dem Betrachter in Augenhöhe und im Hintergrund liegt eine afrikanisch anmutende Landschaft mit Himmel. Du weißt ja, ich war nie in Afrika, aber so habe ich es mir vorgestellt. Du würdest jetzt sagen, wieso afrikanische Ebene, sieht mir eher nach Mecklenburgischer Heide aus. Wir haben beide nicht Unrecht. Alles liegt im Auge des Betrachters, allerdings stellt sich mir die Frage, was ein lachsfarbener Kürbis in Afrika zu suchen hat. Den Hintergrund offen zu gestalten war gar keine schlechte Idee, da so die Geschichte, die das Bild erzählt, für mich keinen Sinn macht. Wäre ich dort gewesen und hätte Kalebaßen unter afrikanischem Himmel gemalt, wäre der Sinn da. Allerdings stellte mir dieses Bild im Nachhinein Fragen wie du siehst, an die ich vorher nicht gedacht hatte. Bei meinen Arbeiten stellen sich mir im Vorfeld diese Fragen und wenn ich dann mit einem Bild fertig bin, weiß ich, wieso ich es so und nicht anders gemalt habe. Ich schicke dir ein Bild mit und werde mich bald wieder melden. Deine Astrid ![]() PS: 'In dem Stillleben vereint sich Freude am Dießeits und ernstes Nachdenken über Dauer und Ende der Welt'. Habe ich irgendwo gelesen. A. |